
„Marx ist tot. Christus lebt!"
Beitrag in der Sächsischen Zeitung von Thilo Alexe
29. April 2010
Auf den ersten Blick passt der Mann nicht zu den Schlagzeilen, die er regelmäßig produziert. Lars Rohwer wirkt bedächtig, höflich, smart. Dresdens CDU-Chef ist nicht der Politikertyp des hemdsärmeligen Volkstribuns, der mit Schweißflecken unter den Achseln dröhnende Reden schwingt. Und doch haben seine Worte manchmal diese Wirkung.
Rohwer sei von Hass getrieben, bemängeln die Linken. Mehr geistige Größe wünschen ihm gar die Grünen und werfen ihm „Politexorzismus" vor. Wie schafft es der 38-jährige Landtagsabgeordnete, der meist freundlich durch seine Brille blinzelt, die Kontrahenten so zu erzürnen?
Wieder ist es eine Absage Rohwers, die zu hitzigen Debatten führt. Erstmals beteiligt sich die CDU nicht an der Maikundgebung des Gewerkschaftsbundes in Dresden. Als Hauptredner tritt der designierte Bundeschef der Linken, Klaus Ernst, hinters Mikrofon. Und der Bayer ist für die Union wie ein rotes Tuch. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass ein Geistes Kind von Marx nun wieder am 1. Mai eine Bühne mitten in unserer Stadt bekommt. Das hatten wir 40 Jahre lang genug", sagt Rohwer.
Christliches Profil
Mit solchen Statements pokert der konservative Politiker hoch. Mit der Verbalattacke auf den Linken dürfte es ihm darum gehen, das christliche Profil der CDU zu schärfen. Doch der Schritt ist riskant. Denn in Sachsen gelten die Linken nicht als spätsozialistische Sektierer, sondern als fundierte politische Kraft. Zieht sich die Union grantelnd zurück, besteht die Gefahr, dass sie die durch Querelen in der Stadtratsfraktion ohnehin ramponierte Rolle als Volkspartei verliert. Die Absage für die Maikundgebung sei keine leichte Entscheidung gewesen, räumt Rohwer ein. „Auch wir treten für faire Löhne und soziale Gerechtigkeit ein." Doch mit Ernst, der kein Regierungsamt hat, „verkommt die Maikundgebung zur Veranstaltung der Linkspartei".
Es ist nicht das erste Mal, dass Rohwer mit Blick auf symbolkräftige Daten Tacheles redet. Vor eineinhalb Jahren sorgte seine Weigerung, an einem vorwiegend von linken Parteien getragenen Anti-Nazi-Bündnis zum 13. Februar teilzunehmen, bundesweit für Unmut. Rohwer plädierte damals für stilles Gedenken an die Zerstörung der Stadt und warnte: „Wir Dresdner brauchen an diesem Tag keine zu Rockmusik tanzenden Demonstranten auf dem Theaterplatz!"
Mag sein, dass sich der Politiker gelegentlich als Provokateur gefällt. Doch leichtfertig verschleudert Rohwer seine deftigen Worte nicht. Vor dem 13. Februar 2009 hatte er sich mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt - sein Vater war Überlebender des Bombardements - und sorgfältig die Aufrufe des linken Bündnisses studiert. Vor der Mai-Absage an die Gewerkschaften befasste sich Rohwer mit der Geschichte des in den USA begründeten Feiertages. Sein Fazit: „Der Tag dient nicht zur revisionistischen Geschichtsschau."
Mit der Ausnahme von vier Jahren, in denen er in seinem erlernten Beruf als Bankkaufmann arbeitete, sitzt Rohwer seit 1991 im Landtag. Er gehört zu den Dienstältesten im Parlament, obwohl er einer der Jüngsten ist. Seine politische Karriere ist beachtlich. Zunächst war der frühere Zivildienstleistende in einem Jugendhaus Experte für die Jugendpolitik der Union. Mittlerweile nimmt er als finanzpolitischer Sprecher der Regierungsfraktion eine Schlüsselrolle in Sachsens Politikbetrieb ein. Auch wenn Parteifreunde über den „Bankkaufmann Rohwer" lästern - solche Fraktionsfunktionen sind oft Vorboten eines Ministeramts.
Seit fünf Jahren führt Rohwer die Dresdner CDU. Es gab harsche Kritik an ihm aus den eigenen Reihen, etwa als er überraschend verkündete, dass die Parteigrößen Steffen Heitmann und Erich Iltgen ihre politischen Karrieren beenden. Doch trotz mancher Wahlkampfpannen: Seit 2008 stellt die CDU die Oberbürgermeisterin. Bei der Ratswahl 2009 konnte die Union leicht zulegen - nach dramatischen Verlusten fünf Jahre zuvor.
Der verheiratete Vater muss manchmal einstecken. Nicht immer drängt er nach vorn. Vieles im aufgeheizten Dresdner Politikklima regelt Rohwer im Stillen. Doch manchmal, da juckt es den früheren Kreuzschüler. Am Schluss eines einstündigen Gespräches funkeln seine Augen kampfeslustig. Ein Zitat von Ex-Minister Norbert Blüm fällt ihm zum 1. Mai ein. „Wissen Sie, was der gesagt hat? Marx ist tot. Christus lebt!"
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