"Dresdner wollen ohne Krawall gedenken."

CDU-Chef Lars Rohwer erklärt, warum die Union nicht im Bündnis gegen einen Neonazi-Aufmarsch vertreten ist. Interview in der Sächsischen Zeitung vom 29. Oktober 2008.
Herr Rohwer, wie werden Sie den 13. Februar verbringen?
Im stillen Gedenken, aber ich muss eingangs noch etwas anderes anmerken:
Von der Initiative zu einer europaweiten Demonstration gegen den so genannten Trauermarsch der Rechtsextremisten habe ich erst durch den Anruf einer SZ-Journalistin erfahren. Keiner der Initiatoren hat zuvor das Gespräch mit der CDU gesucht. Wenn wirklich gewollt gewesen wäre, dass wir mitmachen, wäre man doch auf uns zugekommen, oder?!
Die CDU ist nun mal die stärkste politische Kraft in Dresden und wenn man also wirklich etwas gegen die Neonazis erreichen will, hätte man doch die Kräfte gebündelt und unsere Gedanken eingebunden. Deshalb engagiert sich die CDU auch im Bündnis "Dresden für Demokratie".
Sie wurden also nicht eingeladen?
So ist es. Man wollte nicht mit der CDU und wirft uns jetzt vor, dass wir nicht mitmachen.
Nochmals: Wie werden Sie als Dresdner CDU-Chef den 13. Februar verbringen?
Beim Gedenken auf dem Heidefriedhof und in Gottesdiensten. Da wird die Union mit vielen Mitgliedern präsent sein. Das Gedenken der Dresdnerinnen und Dresdner ist für sich genommen schon eine Form der Demonstration.
Wie kommen Sie als Dresdner -zu dieser Einschätzung?
Auch meine Familie war vom Angriff auf Dresden betroffen, weshalb dieses Thema bei uns sehr präsent ist. Meine Großmutter und mein Vater haben den Luftangriff überlebt. Mein Vater, damals ein kleines Kind, wurde von seiner Mutter getrennt. Erst nach ein paar Tagen hat sie erfahren, dass er lebt. Ich bin der Überzeugung, dass die Dresdner das Gedenken würdevoll ohne Krawall, ohne Polizei und ohne Demonstration begehen wollen.
Schließt das aus, dass man sich dem europaweit wohl größten Aufmarsch von Neonazis am 14. Februar entgegenstellt? Den Aufruf dazu hat unter anderen ein prominenter CDU-Politiker unterzeichnet: Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker.
Ich weiß nicht, ob er am 13. oder 14. Februar in Dresden sein wird. Richard von Weizsäcker hat den Aufruf möglicherweise gutgläubig unterschrieben. Ich hinterfrage, ob er sich umfassend mit den Initiatoren auseinandergesetzt hat.
Was stört Sie an dem Aufruf, der auch von Vertretern von Kirchen, Gewerkschaften und Parteien unterzeichnet wurde?
Nehmen Sie nur diesen Satz aus dem Aufruf: "Während Leningrad, Rotterdam oder Coventry Ziele des deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges waren, wurde Dresden im Zuge der Beendigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bombardiert." Allein dieser Satz etabliert eine neue Verantwortungsdebatte, die bereits der Vergangenheit angehört hat. Wir Dresdner sind mit unserer Erinnerungskultur aber schon sehr viel weiter. Dieser Satz und diese Initiative werfen uns um Jahre zurück.
Warum?
Dieser Satz hat einen aggressiven Inhalt, der nicht dem Versöhnen durch Erinnerung, wie wir es mit unserer Partnerstadt Coventry pflegen, gerecht wird. Wir waren in der Aufarbeitung des 13. Februars schon viel weiter.
Aber Rechtsextremisten wählen Dresden als Aufmarschgebiet. Wieso keine Gegendemo?
Mit der Gegendemonstration macht man folgenden Fehler: Man geht auf die Argumentation der Neonazis ein, indem man sagt: Es gab Opfer im Ausland durch die Angriffsmaschinerie der Nazis. Und deshalb sind Opfer in der Stadt Dresden nur logisch gewesen. Ich meine, das ist eine ganz gefährliche Richtung, die nicht für Versöhnung steht, denn jedes Opfer ist immer ein Opfer zu viel.
Und wie bringt man Versöhnung voran?
Durch Dialog, Gespräche, persönliche Kontakte. Die CDU hat in den vergangenen Jahren an der Demokratiemeile zum 13. Februar teilgenommen und mit den Dresdnern geredet. Die gibt es dieses Jahr nicht. Wir werden mit eigenen Veranstaltungen präsent sein - und ein Zeichen für stille und würdevolle Erinnerungskultur setzen. Das haben wir in den vergangenen Jahren auch schon erfolgreich unter dem Credo getan: Wer die Opfer missbraucht, wird selbst zum Täter.
Das Gespräch führte Thilo Alexe. 28. Oktober 2008
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