Herausforderungen
Natürlich ist während eines Auslandsjahres nie alles ganz so einfach, wie es manchmal scheint. Die Wahrheit ist, es war nicht leicht, ganz allein in ein tausende Kilometer entferntes Land zu fliegen, um mit Menschen zu leben, die vor nur wenigen Tagen noch Fremde waren. Es gab Tage, an denen man sich alleine fühlte und es konnte dauern, eh man Anschluss an die richtige Freundesgruppe fand. Doch das war ganz normal. Wichtig war die Art, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Aus eigener Erfahrung kann ich nun sagen, dass wer nicht aufgibt und immer versucht offen für alles zu sein sehr viel schneller Anschluss im neuen Leben findet. Mittlerweile habe ich in den USA einige sehr enge Freunde sowie eine zweite Familie.
An dieser Stelle würde ich gern noch auf eine besondere Herausforderung eingehen, die sich erst während meiner Zeit in Minnesota entwickelte: die Ereignisse in Minneapolis im Januar 2026. Nach der Erschießung von zwei Menschen durch die Einwanderungsbehörde ICE kam es in der Stadt zu großen Protesten und schnell breitete sich Angst in der Gegend aus. Nicht nur in Minneapolis gab es immer mehr Razzien, sondern auch in der uns noch näher gelegenen Stadt Rochester, wo selbst auf dem Klinikgelände Festnahmen von Patienten stattfanden. Schon oft fragten mich Leute seitdem, wie sich diese erschreckenden Geschehnisse auf mein Auslandsjahr auswirkten. An meinem persönlichen Leben in Minnesota änderte sich zunächst nichts. Ich achtete nun verstärkt darauf, meine Reisedokumente, die bewiesen, dass ich mich legal im Land aufhielt, immer bei mir zu tragen. Direkte Zeugin eines ICE- Einsatzes wurde ich nie, dafür jedoch des Widerstandes, der sich in schnellem Tempo über den Bundesstaat ausbreitete. Auf Social Media verbreiteten sich die Nachrichten von ICE- Sichtungen rasant, in vielen Geschäften und Cafés lagen zur kostenlosen Mitnahme jene Trillerpfeifen aus, mit welchen die Leute sich gegenseitig bei einem Auftauchen der Behörde in der Nachbarschaft warnten. An einem Tag gab es an meiner Highschool außerdem einen Schulstreik, bei welchem einige Schüler zu einer festgelegten Uhrzeit aufstanden und einfach den Unterricht verließen.