Vorschaubild Homepage Nadia Bericht PPP

Mit dem PPP in die USA. Nadia berichtet über ihr Schuljahr in Minnesota

verfasst am 14.08.2026

Mit dem Bundestag in die USA. Dies ermöglichen der Deutsche Bundestag sowie der U.S. Congress mit dem Parlamentarische Patenschaftsprogramm (PPP) jedes Jahr einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern sowie jungen Berufstätigen. Das Vollstipendium wurde anlässlich des 300. Jahrestages der ersten deutschen Einwanderung nach Nordamerika, ins Leben gerufen. Seitdem reist jedes Jahr eine Gruppe junger Menschen in die USA, während gleichzeitig eine andere Gruppe aus den USA Zeit in Deutschland verbringt. Im Gastland lebt man für zehn Monate in einer Gastfamilie, besucht eine Schule und ist ein aktives Mitglied der Gemeinschaft.

Die Teilnahme am Parlamentarischen Patenschaftsprogramm war für mich eine lebensverändernde Erfahrung. Sie hat meinen Blick auf die Welt erweitert, ich konnte Bekanntschaften fürs Leben schließen und bin als Person gewachsen.

Nadia, PPP-Stipendiatin 2025/2026
Nadia Minnesota 3
Whatsapp Image 2025 08 14 At 11 18 09 1

Die Zeit vor der Abreise

Nach dem erfolgreichen Durchlaufen des Bewerbungsprozesses und der Nominierung für das Stipendium durch einen Abgeordneten meines Wahlkreises, stand zuallererst das einwöchige Vorbereitungsseminar für die Zeit im Ausland sowie die Rolle als „Juniorbotschafterin“ an. In Berlin besuchten wir für Deutschland politisch und historisch wichtige Orte, nahmen an Workshops zum Alltag im Ausland teil, führten Gespräche mit Politikern und ehemaligen Stipendiaten und beschäftigten uns mit gesellschaftlich aktuellen Themen. Schon dort schlossen wir alle viele Freundschaften und es verdeutlichte sich, wie all die Kontakte, die man über das PPP knüpft, einer großen Familie gleichen.

Kurz darauf gab es erneut eine Phase der Unsicherheit, da U.S.-Präsident Trump zeitweise die Vergabe aller Schüler- und Studentenvisa stoppte. Glücklicherweise entspannte sich diese Situation kurze Zeit später wieder und mit zusätzlichen Kontrollen unserer Social-Media Accounts erhielten alle Stipendiaten ihr Visum. Ab diesem Zeitpunkt erwarteten viele nur noch ihre Platzierung in den Vereinigten Staaten. Für mich kam dieser aufregende Tag zwei Wochen vor meiner Abreise.

Nadia Minnesota 8

Meine Platzierung in den USA

Die nächsten zehn Monate würde ich gemeinsam mit meiner Gastfamilie auf ihrer Ranch im Bundesstaat Minnesota leben. Dieser liegt im Norden der USA und ist vor allem für seine „10.000“ Seen bekannt. Im Sommer kann es sehr heiß mit einer hohen Luftfeuchtigkeit werden und gleichzeitig betragen die Temperaturen im Winter nicht selten einmal -30°C. Pine Island ist keine wirkliche Insel, wie der Name sagt, sondern eine Kleinstadt auf dem Land, umgeben von vielen Feldern und Farmen. Obwohl unsere Ranch so sehr ländlich lag, erreichte man durch die Stadt Rochester innerhalb einer halben Stunde alles, was man braucht. Auch Minneapolis war nur eine Autostunde von unserem Wohnort entfernt. Meine Gastfamilie besteht aus den Eltern, ihrer Tochter in meinem Alter sowie jeder Menge Tiere, wie zum Beispiel ihren fünf Hunden, zwei Katzen, sechs Pferden, Schafen und Kühen. Mitte August 2025 verabschiedete ich mich von meiner Familie und Freunden in Dresden und machte mich auf den Weg ins Unbekannte.

In Minnesota angekommen, empfingen mich alle sehr lieb und schnell fühlte ich mich auch in dieser zunächst ungewohnten Umgebung sehr wohl.

Nadia Minnesota 4

Das Leben auf der Ranch

Schon sehr bald lernte ich, welche Aufgaben zum Leben auf einer Ranch dazugehören und konnte bei den meisten Dingen aktiv mithelfen. So fütterte ich abends immer die Pferde und Hunde und reinigte wochenends die Pferdeställe. Ich erlernte außerdem das Reiten im Western- Stil, das ich zuvor nur aus Filmen kannte. Ein ganz besonderer Moment für mich war, als ich das erste Mal mit meinem Pferd eine Kuh trieb. Mein Gastvater und meine Gastschwester nahmen mit ihren Pferden außerdem regelmäßig an Reitsportveranstaltungen teil, weshalb ich das Glück hatte, einen ganz besonderen Teil amerikanischer Kultur kennenzulernen: die „Reined Cow Horse“ Welt. Nachdem ich bei den ersten Shows nur zusah, half ich schon bald aktiv mit, indem ich beispielsweise neben dem Kampfrichter saß, alle Punkte und Strafen aufschrieb und diese am Ende zusammenrechnete. Oft zelteten wir anschließend unter dem Sternenhimmel.

Mein großer Dank geht an den Deutschen Bundestag und den US-Congress, die uns Schülerinnen und Schülern diese Möglichkeit bieten und besonders an Herrn Rohwer, der im Rahmen des Programms die Patenschaft für mich übernahm.

Nadia, PPP-Stipendiatin 2025/2026
5 PPP NL Washington
Nadia Minnesota 6

Schule in den USA

Natürlich bestand mein Auslandsjahr nicht nur aus dem Landleben, sondern ich besuchte gleichzeitig die zwölfte Klasse einer Highschool. Das amerikanische Schulsystem unterschied sich in sehr vielen Aspekten vom Deutschen. Auf nur einige davon möchte ich im Folgenden eingehen.

Von Anfang an begeisterte mich, wie viele Freiheiten man in der Gestaltung des eigenen Stundenplans hatte. So konnte man trotz einiger vorgeschriebener Kurse für jeden Jahrgang schon früh sein Wissen in den eigenen Interessensbereichen vertiefen. Für mich stellten dies die Anatomie- und Medizinkurse dar. Insbesondere hier fiel mir auf, wie praxisnah der Unterrichtsstoff den Schülern beigebracht wurde. Immer wieder führten wir die modernsten Experimente und Messungen durch, arbeiteten mit Beispielpatienten und gingen sogar auf einige Exkursionen. Das Schuljahr teilte sich in vier Quartale, in welchen Schüler jeweils ein Quartal lang jeden Tag den gleichen Stundenplan hatten. Mich nicht wöchentlich auf zwölf verschiedene Fächer gleichzeitig konzentrieren zu müssen, wirkte sich bei mir persönlich sehr positiv auf den benötigten Lernaufwand vor einem Test aus. Wir wiederholten den Stoff jeden Tag im Unterricht, anstatt nur einmal in der Woche darüber zu sprechen. Ebenfalls gefiel mir die Handhabung der Benotung von talentbedingten Fächern, wie zum Beispiel Sport. Dort gab es Teilnahmepunkte, die sich einzig und allein darauf bezogen, ob ein Schüler anwesend war, motiviert etwas Neues zu lernen und sich gegebenenfalls über die Zeit verbesserte, nicht auf seine sportliche Höchstleistung.

Da der Unterricht in amerikanischen Highschools klassenstufenübergreifend stattfand, war das Gemeinschaftsgefühl in der Schule automatisch ein größeres. Verstärkt wurde dies außerdem durch die Tatsache, dass fast jedes Hobby der Schüler über die Schule lief, anders als in Deutschland, wo die meisten Schüler ihren Hobbys in von der Schule getrennten Vereinen nachgehen.

Nadia Minnesota 5

Nichtsdestotrotz regten mich viele Aspekte des Schulsystems ebenfalls zum Nachdenken an. Auf der einen Seite empfand ich das Gefühl von Zugehörigkeit in der Schule als ein sehr schönes, auf der anderen spürte man gleichzeitig einen gewissen gesellschaftlichen Druck, in so vielen Aktivitäten wie möglich involviert zu sein. Ich hatte das Gefühl, einige Entscheidungen traf man nur nach dem Faktor, wie sie später einmal in einer College- Bewerbung aussehen würden, nicht danach, ob sie der Person auch wirklich Freude bereiteten. Des Weiteren gab es anders als in Deutschland keine Abschlussprüfung, um zur Graduation zugelassen zu werden. Jede Person, die alle vorgegebenen Kurse bestanden hatte (was aus meiner Sicht weniger herausfordernd war, als in Deutschland), erhielt ohne eine zusätzliche Prüfung in Klasse 12 automatisch das High School-Diplom. Ich persönlich empfinde dies als eher problematisch und frage mich, wie sich eine weltweite Vergleichbarkeit von Schulabschlüssen gewährleisten lässt, wenn die an die Schüler gestellten Anforderungen von Land zu Land so unterschiedlich sind? Als Teil des Abschlussjahrgangs erhielt auch ich die Chance, an der Graduation- Zeremonie teilzunehmen. Dies war ein einmaliges Erlebnis. Auch das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern war persönlicher, als in Deutschland.

Als besonderen Teil meiner Schulzeit in den USA möchte ich gern noch das Schulorchester hervorheben, als dessen Teil ich Geige spielte und mich vom ersten Tag an sehr willkommen fühlte. Es war schon seit Jahren mein Traum, eines Tages in einem Orchester zu spielen und in den USA verwirklichte sich dieser nun. Einige meiner schönsten Erinnerungen des Auslandsjahres hängen mit dem Orchester zusammen, nicht zuletzt der Music Trip, bei welchem wir über Thanksgiving nach New York City reisten. Ich verbesserte meine Fähigkeiten im Geigenspiel maßgeblich und bin sehr dankbar für alle Erinnerungen, die ich mit dem Orchester schuf.

Nadia Minnesota 2

Meine Hobbys in den USA

Zu Beginn des Schuljahres war die Auswahl an Hobbys und Clubs der Schule beinahe überwältigend und am liebsten hätte ich alles ausprobiert. Letztendlich entschied ich mich für fünf verschiedene Clubs. Ich nahm am Culture Club teil, in welchem wir uns mit anderen Ländern und Kulturen auseinandersetzten, war Teil des Knowledge Bowl- Teams, eines Wettbewerbs für Allgemeinwissen, spielte im Jazz-Orchester Geige, engagierte mich im Umweltclub und war Teil sowohl des Theaterstückes „Charlotte’s Web“, als auch dem Schulmusical „Oklahoma!“. Im Frühling entschied ich mich schließlich dazu, dem Leichtathletik-Team der Schule beizutreten, einer Sportart, die ich zuvor noch nie intensiver betrieben hatte. Und so wurde aus mir ein „Pine Island Panther“. Die Zeit war anstrengend, denn jeden einzelnen Tag stand nach dem Unterricht das stundenlange Training an. Doch schon bald verbesserte sich meine Kondition, ich schloss neue Freundschaften und die Wettkämpfe gehören nun zu meinen schönsten Erinnerungen. Ausgerechnet der Hürdenlauf entwickelte sich zu meiner besten Disziplin, eine, von welcher ich nicht gedacht hätte, sie jemals auszuprobieren.

Nadia Minnesota 1

Freiwilligendienst für das PPP

Als Teilnehmerin des PPP war es selbstverständlich, sich während des Auslandsjahres nicht nur in der Gastfamilie zu engagieren, sondern auch in der Gastgemeinschaft Verantwortung zu übernehmen. Ich persönlich arbeitete dafür hauptsächlich an einem Projekt mit: Der Erweiterung eines Natur- Erlebnispfades für Kinder im Ort. Bei verschiedensten Arbeitseinsätzen, erneuerten wir Spielstationen und pflegten den Wald, welcher den Spielplatz beherbergte. Doch auch in anderen Momenten erhielt ich die Gelegenheit, mich mit meiner Gastgemeinschaft auseinanderzusetzen und zu verbinden. So verkaufte ich beispielsweise Essen auf einem Food- Festival, hielt in der Schule Präsentationen über mein Heimatland, betreute das Orchestercamp der jüngeren Schülerinnen und Schüler und nahm an Reinigungsaktionen im Ort teil. In der Halloweenwoche organisierte ich mit einer Gruppe anderer Schüler den „Pumpkin Luminary Trail“, bei welchem der Spielplatz mit fast 200 leuchtenden Kürbissen und Ereignisstationen dekoriert wurde.

1 PPP NL Washington

Der Civic Education Workshop in Washington D.C.

Ein Teil des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms war der einwöchige Civic Education Workshop (CEW), der jedes Jahr für alle Stipendiaten in Washington D.C. stattfindet. Ziel war es, uns die Gelegenheit zu geben, die verschiedenen Regierungszweige sowie das Politiksystem der USA einmal hautnah zu erleben und zu erkunden. Mit einer Reihe von Workshops, Gesprächen mit Politikern und Diplomaten sowie Ausflügen in der US-Amerikanischen Hauptstadt, ermöglichte man uns dies. So besichtigten wir beispielsweise bekannte Monumente, Gebäude und Museen und waren im U.S. Department of State eingeladen, welches große Teile des Programms förderte. Als Höhepunkt der Woche erhielt ich die Gelegenheit, einer Sitzung des House of Repres entatives zuzusehen sowie mich mit einer der beiden Senatorinnen Minnesotas, Tina Smith, zu unterhalten.

Die kleinen Momente

Doch nicht nur solch große Erlebnisse machten das Jahr so besonders, sondern auch die kleinen Alltagsmomente mit meiner Gastfamilie gehören nun zu den Erinnernswertesten. Ich werde immer gern an die verrücktesten Konversationen beim Abendessen zurückdenken, die wir gemeinsam hatten, an lustige Missverständnisse durch Sprachbarrieren, an die kleinen Gewohnheiten, die wir gemeinsam entwickelten, Insider-Witze sowie an die kulturellen Aspekte, die wir mit der Zeit übereinander lernten.

Herausforderungen

Natürlich ist während eines Auslandsjahres nie alles ganz so einfach, wie es manchmal scheint. Die Wahrheit ist, es war nicht leicht, ganz allein in ein tausende Kilometer entferntes Land zu fliegen, um mit Menschen zu leben, die vor nur wenigen Tagen noch Fremde waren. Es gab Tage, an denen man sich alleine fühlte und es konnte dauern, eh man Anschluss an die richtige Freundesgruppe fand. Doch das war ganz normal. Wichtig war die Art, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Aus eigener Erfahrung kann ich nun sagen, dass wer nicht aufgibt und immer versucht offen für alles zu sein sehr viel schneller Anschluss im neuen Leben findet. Mittlerweile habe ich in den USA einige sehr enge Freunde sowie eine zweite Familie.

An dieser Stelle würde ich gern noch auf eine besondere Herausforderung eingehen, die sich erst während meiner Zeit in Minnesota entwickelte: die Ereignisse in Minneapolis im Januar 2026. Nach der Erschießung von zwei Menschen durch die Einwanderungsbehörde ICE kam es in der Stadt zu großen Protesten und schnell breitete sich Angst in der Gegend aus. Nicht nur in Minneapolis gab es immer mehr Razzien, sondern auch in der uns noch näher gelegenen Stadt Rochester, wo selbst auf dem Klinikgelände Festnahmen von Patienten stattfanden. Schon oft fragten mich Leute seitdem, wie sich diese erschreckenden Geschehnisse auf mein Auslandsjahr auswirkten. An meinem persönlichen Leben in Minnesota änderte sich zunächst nichts. Ich achtete nun verstärkt darauf, meine Reisedokumente, die bewiesen, dass ich mich legal im Land aufhielt, immer bei mir zu tragen. Direkte Zeugin eines ICE- Einsatzes wurde ich nie, dafür jedoch des Widerstandes, der sich in schnellem Tempo über den Bundesstaat ausbreitete. Auf Social Media verbreiteten sich die Nachrichten von ICE- Sichtungen rasant, in vielen Geschäften und Cafés lagen zur kostenlosen Mitnahme jene Trillerpfeifen aus, mit welchen die Leute sich gegenseitig bei einem Auftauchen der Behörde in der Nachbarschaft warnten. An einem Tag gab es an meiner Highschool außerdem einen Schulstreik, bei welchem einige Schüler zu einer festgelegten Uhrzeit aufstanden und einfach den Unterricht verließen.

Nadia Minnesota 7

Mein persönliches Fazit

Die oben benannten Momente werde ich nicht so schnell vergessen, halte es jedoch für umso wichtiger, dass durch Austauschprogramme wie dieses weiterhin junge Menschen in die USA reisen und die interkulturellen Beziehungen beider Länder stärken. Die Zeiten, in denen wir leben sind turbulent und ich hörte schon von vielen anderen Schülern, dass entweder sie selbst oder ihre Eltern Angst davor haben, ihr Kind für ein Auslandsjahr in die USA zu senden. Aus europäischer Sicht kann ich das definitiv nachvollziehen. Die Bilder, die uns von Medien über das Land vermittelt werden, regen durchaus zur Sorge an. Doch aus Sicht einer Austauschschülerin, die trotz allen Berichten in den USA ein zweites Zuhause finden durfte, sage ich, dass alle Menschen, egal wo sie sich auf der Welt befinden, im Grunde gleich sind. Wir haben die gleichen Grundbedürfnisse und -werte. Dies hat sich auch in den USA nicht geändert. Seit meinem Schüleraustausch meinten schon mehrere Menschen aus meinem engeren europäischen Umkreis zu mir, dass ihr Bild über die US-Amerikaner sich allein durch meine Reiseberichte zum Positiven geändert habe und differenzierter geworden sei. Es ist des Weiteren vorgekommen, dass mir eigentlich fremde Menschen in den USA sagten, wie wichtig es Ihnen wäre, dass die Leute in Europa wüssten, dass die derzeitigen Ereignisse in den USA nicht widerspiegeln, wie die Mehrheit der Menschen denken, fühlen und handeln. Wie viele Leute könnten also in Zukunft besser über einander denken, wenn Schüleraustausche immer weiter gefördert würden? Wir dürfen nicht zulassen, dass wir uns aufgrund von Politik und Medienblasen als Bürger voneinander entfernen. Deshalb sollten wir alle und erst recht die Jugend, in deren Händen die Zukunft liegt, versuchen, viel öfter miteinander ins Gespräch zu kommen. Austauschprogramme für Schülerinnen und Schüler sind gerade heute ein so wichtiger Teil dessen.